Die Kommune

Leben in der Kommune
„Amüsanter Blick auf
das chaotische WG-Leben
im Kopenhagen der 70er
– Vinterberg in Bestform“
OXMOX
„Eine großartige Abhandlung
über die Unvereinbarkeit von
Utopien und Gefühlen“
3SAT KULTURZEIT
„Eine authentische Zeitreise
zum Lachen und Weinen“
DRESDENER

Frühere Experimente

Es gab in der Geschichte zahlreiche Versuche, Wohn- und Lebensgemeinschaften außerhalb der Familie zu schaffen, und fast immer war die Gründung mit sozialutopischen Hoffnungen und Gedankengebäuden verbunden. Bei den Transzendentalisten um George Ripley im Massachusetts des 19. Jahrhunderts war das so, als sie nahe Boston die Brook Farm bezogen, um dort nach der Vervollkommnung des Einzelnen und einer Überwindung von Ausbeutung zu streben. Und auch bei dem alternativen Siedlungsprojekt der Lebensreformer auf dem Monte Verità bei Ancona zu Beginn des 20. Jahrhunderts lief es ähnlich. Menschen, die sich in einer solchen Lebensgemeinschaft zusammenfinden, wirtschaften in der Regel gemeinsam, sie treffen wichtige, das Zusammenleben betreffende Entscheidungen gemeinsam, und sie sind nicht hierarchisch organisiert. Je nach Ausrichtung stehen bei diesen Projekten religiöse, philosophische, ökologische, wirtschaftliche oder politische Ansätze bzw. eine Mischung daraus im Vordergrund. Neben der Idee der Gemeinsamkeit ist die Abkehr von etwas (z. B. vom Privateigen-tum, vom Konkurrenzdenken) oder die Hinwendung zu etwas (z. B. zur Natur) im Sinne einer Befreiung oder Erneuerung maßgeblich.


Die 1960er und 70er Jahre

Auch infolge der Hippiebewegung der 60er und 70er Jahre und der Studentenbewegung kam es zu zahlreichen Kommune- und WG-Gründungen, in denen die Abwendung von patriarchalischen und kapitalistischen Strukturen geprobt wurde. Im Zuge der antiautoritären Revolte der Achtundsechziger geriet die bürgerliche Kleinfamilie als Instrument der „Repression“ und als Brutstätte des „autoritären Charakters“ ebenso in Misskredit wie die als spießig betrachtete Privatsphäre insgesamt. In Kommunen und WGs sollte der Einzelne lernen, seine egoistischen Interessen dem Wohl des Kollektivs unterzuordnen. „Selbstbefreiung“ durch die radikale Infragestellung überkommener Sozialbeziehungen und Bindungen stand hoch im Kurs. Neid, Eifersucht und Rivalität waren als Ausdruck bürgerlichen Denkens verpönt und entsprechend zu überwinden.


Die älteste Hippiekommune Europas ist die Freistadt Christiania in Kopenhagen. Dabei handelt es sich um eine autonome Gemeinde, die 1971 auf einem ehemaligen Militärgelände entstand. Die Besetzung der leerstehenden alten Kasernen erfolgte zunächst als Protest gegen die Wohnungsnot, daraus entwickelte sich jedoch – einigen Räumungsversuchen zum Trotz – nach und nach eine selbstverwaltete alternative Siedlung mit eigener Ethik, eigener Flagge und eigener Währung, in der bis zu tausend Menschen basisdemokratisch nach selbst aufgestellten Regeln lebten, ohne Mietverträge und ohne Hauseigentum. Im Laufe ihres jahrzehntelangen Bestehens hat die Kommune sich zu einer Zufluchtsstätte für Künstler, Studenten, Immigranten, Aussteiger und Obdachlose entwickelt. Heute gilt sie einerseits als eine Art Aushängeschild für den progressiven Lebensstil der Dänen, andererseits gerät sie wegen ihrer „praktizierten Anarchie“ und ihres Umgangs mit Drogen und Gewalt häufig in die Kritik. Mittlerweile haben die dänischen Behörden sich mit den unangepassten Bewohnern Christianias arrangiert, die sich ihrerseits zur Zahlung von Steuern und Gebühren bereiterklärt und das Gelände vom Staat gekauft haben.


Die wohl berühmteste Kommunegründung in der Bundesrepublik war die 1966/67 in Berlin gegründete Kommune 1. Sie bestand ursprünglich aus vier Männern und zwei Frauen und verstand sich zunächst insofern dezidiert als politisch, da sie das Alltagsleben revolutionieren wollte und dies als Vorstufe zur Veränderung der Gesellschaft insgesamt sah. Jeder, der neu in diese Lebens- und Wohngemeinschaft eintreten wollte, wurde in Gruppenanalysen dahingehend überprüft, ob er geeignet war, an dem Experiment teilzunehmen, eine „kollektive kommunistische Keimzelle innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft“* zu bilden. Die K1 geriet wegen ihrer zahlreichen Tabubrüche und satirischen Provokationen sowie aufgrund ihrer hedonistischen Lebensweise schnell in die Schlagzeilen. Im aufgeregten Klima der APO-Zeit wurde sie einerseits zum Dauerskandal und andererseits zum Vorbild für eifrige Nachahmer. In der zweiten Phase ihres Bestehens, zu der der Medienhype um Uschi Obermaier gehört, trat das Politische hinter Sex, Drogen und Musik zurück, bis die Kommune sich 1969 schließlich auflöste.


Heutige Ansätze

Während zahlreiche linke Ideen und Impulse dieser Zeit ihren Niederschlag im gesellschaftlichen Leben Deutschlands gefunden haben, hatten sich andere Phänomene rasch überlebt oder wurden zumindest von allzu hochfahrendem Revoluzzertum entschlackt. Die Idee des gemeinschaftlichen Zusammenlebens ist heute, fast fünfzig Jahre nach der Gründung der K1, lebendiger denn je und zeigt sich in den vielfältigsten Projekten und Initiativen sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Dabei geht es jedoch in den wenigsten Fällen noch um die Abschaffung des Privateigentums oder gar um die Propagierung der freien Liebe, vielmehr stehen lebenspraktische, ökologische und ökonomische Ziele im Vordergrund.


In deutschen Städten ist es heute vollkommen normal und ideologisch unverdächtig, dass Studenten WGs gründen und Mitwohnzentralen den steten Fluss kurzfristiger Wohnverhältnisse maximal flexibler Angestellter regeln – ganz einfach weil Wohnraum in den Ballungsräumen immens überteuert ist. Darüber hinaus finden sich auch andere gesellschaftliche Gruppen aus pragmatischen Gründen in Wohngemeinschaften zusammen: So gibt es heute Alleinerziehenden-WGs, Pendler-WGs, Senioren-WGs und therapeutische WGs aller Art und in den unterschiedlichsten Ausprägungen.


Der demografische Wandel und die Krise der Marktwirtschaft führen zu einem erhöhten Interesse an bezahlbaren gemeinschaftlichen Wohnformen und lösen einen regelrechten Boom an innovativen Konzepten für Wohnprojekte, Baugruppen und Genossenschaften aus. Da die Gesellschaft zunehmend überaltert und die finanzielle Versorgung und personelle Unterstützung wachsender Personenzahlen im Alter prekär zu werden droht, rücken insbesondere Mehrgenerationenhäuser und Cohousing-Projekte verstärkt in den Fokus. Die sozialutopischen Ansätze früherer Zeiten verstanden sich als Gegenmodelle zur vorherrschenden Ideologie und Realität, hier geht es hingegen vorwiegend ganz pragmatisch und integrativ zu: Klassische und moderne Lebensmodelle sollen eine Verbindung eingehen, damit das Leben für alle günstiger, komfortabler – und weniger einsam – wird.


Gemeinschaftliches Wirtschaften und die Teilung von Aufgaben im Haushalt gehören – zumindest als Möglichkeit – bei vielen der heutigen Konzepte selbstverständlich dazu. Darüber hinaus wird jedoch ebenso selbstverständlich auf die als kostbar und schützenswert betrachtete Privatsphäre der Beteiligten Rücksicht genommen. Wie das Zusammenleben im Einzelnen geregelt ist, ist Verhandlungssache, aber sicherlich käme niemand mehr auf die Idee, Privateigentum in Frage zu stellen oder alle Zwischentüren auszuhängen.


Eines der größten und ambitioniertesten alternativen Wohn- und Lebensprojekte in Deutschland ist derzeit Schloss Tempelhof in der Nähe von Schwäbisch Hall. Dort hat sich auf Initiative einiger wohlhabender Aussteiger aus der Leistungsgesellschaft vor einigen Jahren ein ganzes genossenschaftlich organisiertes Dorf mit eigenem Kraftwerk, eigenen Werkstätten, Ställen etc. gegründet, in dem mehr als hundert Menschen anhand einer klaren Satzung gemeinsam ihr Leben regeln. Entscheidungen werden basisdemokratisch und nach dem Konsensprinzip getroffen, gewohnt und gelebt wird ökologisch nachhaltig und generationenübergreifend. Jeder Bewohner bringt sich mit zwanzig „Sozialstunden“ pro Monat in die Gemeinschaft ein, kann ansonsten jedoch leben, wie es ihm beliebt, sei es in der Kleinfamilie, im Mehrgenerationenhaus oder in der WG. Eine gefragte, stetig wachsende Initiative, in die man sich mit einem Genossenschaftsanteil einkaufen kann, sofern das Plenum einen dreimal ohne Gegenstimme als passend erachtet.


In Kalifornien, der Heimat der Hippiebewegung, hat sich wiederum eine neue Form des Kommunenlebens herausgebildet, das mit den Idealen und Ritualen der 70er Jahre kaum noch etwas gemeinsam hat. Denn die neuen Kommunarden sind junge, gebildete Geschäftsleute, ehrgeizige Start-up-Gründer, die sich auf dem sündhaft teuren Pflaster nahe Silicon Valley tummeln, um bahnbrechende neue Apps zu erfinden und Investoren für ihre zukünftigen Unternehmen zu finden. Programmierer, Intellektuelle und Wissenschaftler bilden dort Wohngemeinschaften, sogenannte Techie-Kommunen, um sich das Leben in der Zeit vor ihrem großen Durchbruch überhaupt leisten zu können und sich beim Nachdenken über eine gerechtere Welt gegenseitig zu befruchten. Anders als frühere Generationen wollen sie die Welt mit Hilfe von Technik verändern und sehen keinen Widerspruch darin, aus ihrer Form der Weltverbesserung ein glänzendes Geschäft zu machen.


*aus: Dieter Kunzelmann: Leisten Sie keinen Widerstand. Bilder aus meinem Leben. Berlin 1998, Seite 27.

weitere Quellen:
Robert Landmann: Ancona – Monte Verità. Berlin 1991.
Wikipedia-Einträge zu den Themen Kommune, Brook Farm, Tempelhof, Freistadt Christiania u.a.
Wolfgang Kraushaar: Achtundsechzig. Eine Bilanz. Berlin 2008.
Ute Kätzel: Die 68erinnen. Porträt einer rebellischen Frauengeneration. Berlin 2002.
Daniel Cohn-Bendit, Rüdiger Dammann (Hg.): 1968. Die Revolte. Frankfurt a. M. 2007.
Patrick Bauer: Die Kommunity. In: SZ-Magazin Nr. 39, 2014.
Thomas Bärnthaler, Lars Reichardt: „Stadtplaner wissen zu wenig von den Bedürfnissen der Menschen“, Interview mit Richard Sennett. In: SZ-Magazin Heft 39/2014.
Georg Diez: Sag mir, wo die Hippies sind. ZEIT-Magazin Nr. 12/2008.
Lars Reichardt: Der erfundene Ort. In: SZ-Magazin, Heft 47/2012.